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Ein Paper ist erst der Anfang -Wie eine kumulative Promotion entsteht
Die Veröffentlichung ihres ersten Journalartikels ist für Anna Nowak-Meitinger ein wichtiger Meilenstein ihrer kumulativen Promotion – und zugleich erst der Anfang. In der Reportage erzählt sie, wie aus einer Forschungsfrage Schritt für Schritt ein wissenschaftliches Paper entsteht: von der Literaturrecherche über mehr als 70 Manuskriptversionen bis hin zum intensiven Peer-Review-Prozess.
Die E-Mail mit der Annahme ihres ersten Journalartikels erreicht Anna Nowak-Meitinger zu Hause. Nach anderthalb Jahren intensiver Arbeit ist die Freude groß. Sofort berichtet sie ihren beiden Kolleg*innen und ihren Co-Autor*innen davon. Erleichterung, Stolz – und gleichzeitig das Wissen: Das ist kein Schlusspunkt, sondern erst der Anfang.
Denn der jetzt veröffentlichte Artikel „Categorization of Sustainable Leadership in Sustainable Manufacturing to Promote Industry 5.0“ in der Fachzeitschrift "Sustainability" ist der erste von mehreren, die gemeinsam ihre kumulative Dissertation bilden werden. Er legt das theoretische Fundament der Arbeit, indem er Ansätze nachhaltiger Führung (Sustainable Leadership) im Kontext nachhaltiger Produktion (Sustainable Manufacturing) untersucht, systematisch ordnet und in einem Kategoriensystem zusammenfasst. Damit schafft der Artikel eine Grundlage für die Frage, welche Rolle Sustainable Leadership für eine nachhaltige, menschenzentrierte und resiliente Industrie im Sinne von Industrie 5.0 spielt.
Promotion in mehreren Teilschritten
Während bei einer klassischen Promotion am Ende ein umfangreiches Buch, eine sogenannte Monografie entsteht, besteht eine kumulative Promotion aus mehreren eigenständigen kürzeren Veröffentlichungen in Form von Artikeln in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, auch Journals genannt. Jeder Artikel beantwortet einen Teil der übergeordneten Forschungsfrage und trägt dazu bei, den wissenschaftlichen Diskurs Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.
Für Anna war dieser Gedanke ausschlaggebend. „Insbesondere der Aspekt, dass man bereits während der mehrjährigen Promotion Publikations-Meilensteine erreicht und nicht erst am Ende eine große Veröffentlichung hat, hat mich überzeugt.“ Mit ihrem kooperativen Promotionsvorhaben ist Anna an der Fakultät für Verkehrs- und Maschinensysteme der TU Berlin eingeschrieben und wird an der TH Wildau vom Karrierezentrum für professorale Entwicklung(KpE) gefördert. Mit den Kolleginnen vom KpE, ihrem Betreuer an der TH Wildau Prof. Dr. Alexander Lübbe und den anderen geförderten Promovierenden hat sie die Idee zur kumulativen Promotion intensiv diskutiert. Ihre betreuende Universitätsprofessorin, Prof. Dr. Sabine Ammon, ermutigte sie zu diesem Schritt. So entwickelte Anna den Fahrplan für ihre Dissertation.
Die große Forschungsfrage handelt von der Integration nachhaltiger Führungsaspekte (Sustainable Leadership) in die nachhaltige Produktion (Sustainable Manufacturing) sowie dem Versuch, dieses Wissen durch eine formalisierte Modellierung zugänglich zu machen. Diese umfangreiche Fragestellung wurde in mehrere Teilfragen gegliedert, die jeweils in eigenständigen Publikationen bearbeitet werden. Weil ihr Forschungsthema verschiedene wissenschaftliche Disziplinen berührt, sollen die einzelnen Ergebnisse auch in Journals aus unterschiedlichen Fachdisziplinen veröffentlicht werden.
Schreiben beginnt mit Lesen
Wer wissenschaftliches Schreiben vor allem mit dem Formulieren von Text verbindet, unterschätzt einen entscheidenden Teil der Arbeit. Bevor überhaupt ein Satz des ersten Journalartikels entstehen konnte, begann für Anna eine intensive Phase der Literaturrecherche. „Ich würde sagen, dass es ein iterativer Prozess zwischen Lesen und Schreiben ist“, beschreibt sie ihren Arbeitsalltag in dieser Phase. Für das erste Paper startete sie tatsächlich mit einem leeren Dokument. Zunächst sichtete sie die vorhandene Literatur, entwickelte daraus ihren Suchstring, also eine Aneinanderreihung sinnvoller Suchbegriffe, mit der dann in Datenbanken gesucht werden kann, und arbeitete sich anschließend systematisch durch hunderte wissenschaftliche Veröffentlichungen. Daraus wählte sie schließlich die wichtigsten aus und begann mit der qualitativen Inhaltsanalyse. Dabei wurden wichtige Elemente des Sustainable Leadership im Sustainable Manufacturing identifiziert, analysiert und iterativ Kategorien gebildet.
Dieser Abschnitt verlangte ihr viel Geduld ab. „Die ersten 25 Paper waren besonders aufwendig. Bei denen habe ich zum Teil mehrere Tage an einem Paper gesessen.“ Neben der eigentlichen Analyse entwickelte sie gleichzeitig ihre wissenschaftliche Arbeitsweise weiter. Erst nach und nach entstanden Routinen, mit denen die Literaturauswertung effizienter wurde.
Vom leeren Blatt zu mehr als 70 Versionen
Obwohl Anna bereits seit ihrer Entscheidung zur Promotion Notizen und erste Textbausteine sammelt, begann sie für das erste Journalpaper mit einem weißen Blatt Papier. Zunächst entstand eine konzeptionelle Übersicht: Welche Frage soll das Paper beantworten? Welche Argumentation führt dorthin? Welche Methodik wird angewendet? Erst danach begann die eigentliche Ausarbeitung.
Im Laufe des Schreibprozesses speicherte sie mehr als 70 Versionen ihres Manuskripts. Aus dem umfangreichen Material entstand Schritt für Schritt ein wissenschaftlicher Artikel mit klarem Fokus. „Ich hatte zwischenzeitlich ungefähr 100 Seiten Text und wusste, dass es viel Arbeit wird, das in ein kompaktes Paper einzukürzen.“ Rückblickend beschreibt Anna diesen Prozess als herausfordernd, aber „es hat mir auch Spaß gemacht und ich habe viel dabei gelernt.“ Damit sie bei der großen Menge an Literatur den Überblick behielt, setzte sie konsequent auf die Literaturverwaltung mit der Organisations-Software Citavi. Parallel dokumentierte sie ihre Recherche detailliert in Excel. Um sich während langer, textreicher Arbeitstage stundenlang konzentrieren und motivieren zu können, half ihr die Pomodoro-Technik. Diese Technik ist nach einer italienischen Küchenuhr in Tomatenform (Pomodoro) benannt und beschreibt die Arbeitsorganisation in zeitlich festgelegten Arbeits- und Pausenintervalle. Mithilfe eines Weckers (oder Küchenuhr) werden diese Intervalle getrackt, z.B. 25-5-25-5-25-5-25-15 Minuten. In jeder Pause können Bewegung, Essen, Trinken, Lüften und Augen entspannen dabei helfen, die Arbeitsintervalle intensiv zu nutzen.
Gute Forschung entsteht im Dialog
Wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen nicht in Einzelarbeit. Während des gesamten Promotionsprozesses arbeitet Anna eng mit ihren Betreuenden zusammen. Mit Prof. Alexander Lübbe von der TH Wildau bespricht sie ihre Fortschritte in regelmäßigen persönlichen Gesprächen. Ihre betreuende Professorin an der TU Berlin, Prof. Sabine Ammon, trifft sie vorwiegend online und erhält von ihr schriftliches Feedback zu ihren Textentwürfen.
Nicht jede Rückmeldung zu ihrem ersten Paper ließ sich sofort umsetzen. Eine der schwierigsten Entscheidungen bestand darin, ein umfangreiches Kapitel vollständig aus dem Manuskript zu streichen. „Das ist mir nicht leichtgefallen, obwohl ich wusste, dass meine Professorin recht hat,“ erzählt Anna. Der Text gewann durch die Streichung deutlich an Klarheit. Ganz verloren ging die Arbeit aber nicht: Das Kapitel wird an anderer Stelle der kumulativen Dissertation wieder aufgegriffen.
Wenn das Paper noch einmal ganz neu beginnt
Sobald der Artikel zufriedenstellend überarbeitet und ausformuliert ist, kann er beim Journal eingereicht werden – aber damit ist der Prozess noch lange nicht abgeschlossen. Im anonymen Peer-Review-Verfahren prüfen unabhängige Fachwissenschaftler*innen das Manuskript noch einmal kritisch und geben detaillierte Rückmeldungen. Im Fall von Annas erstem Journalpaper waren fünf Reviewer*innen sowie eine Editorin des Journals beteiligt. Gemeinsam forderten sie zahlreiche Änderungen.
Am Ende überarbeitete Anna alle Kapitel ihres Manuskripts und verfasste zusätzlich rund zwanzig Seiten Antworten auf die einzelnen Kommentare. Ganz neu war diese Erfahrung für sie allerdings nicht: Bereits bei einem früheren Konferenzpaper hatte sie eine umfangreiche Korrekturschleife, ein sogenanntes Major Review, erlebt und gemeistert, „dabei habe ich damals gedacht: Das schaffe ich niemals.“
Diese Erfahrung half ihr nun beim Journalartikel. „Als die vielen Kommentare kamen, konnte ich diese gefasster aufnehmen.“ Trotzdem brauchte sie zunächst einen Tag, um sich innerlich darauf einzustellen, ihr vermeintlich fertiges Paper noch einmal vollständig zu überarbeiten. Der Review-Prozess war sehr arbeitsintensiv und dauerte einige Wochen.
Heute betrachtet sie diese Phase aus einer anderen Perspektive. „Während des Review-Prozesses distanziere ich mich innerlich von meinem Text und versuche ihn als Außenstehende wahrzunehmen. So ist es einfacher, die Kritik zu verstehen.“ Dass sich diese Mühe lohnt, davon ist sie überzeugt. „Hinterher ist der Text immer besser als vorher.“
Ein Meilenstein im Rücken und der Blick nach vorn
Wie viele Arbeitsstunden tatsächlich in dem veröffentlichten Artikel stecken, lässt sich kaum beziffern. Für Anna war der Entstehungsprozess ein Marathon von etwa anderthalb Jahren. Parallel verfasste sie außerdem zwei Konferenzbeiträge, die ebenfalls Teil ihrer kumulativen Dissertation sind, und präsentierte ihre Forschung auf mehreren Konferenzen und Tagungen.
Schon jetzt arbeitet sie am zweiten Journalpaper. Dabei profitiert sie von den Erfahrungen der vergangenen Monate. Inzwischen hat sie auf wissenschaftlichen Konferenzen einige Editoren persönlich kennengelernt, deren Journals für die nächsten Publikationen in Frage kommen. Auch ihre Arbeitsweise hat sich bewährt: Zunächst eine konzeptionelle Übersicht entwickeln, anschließend schreiben – und die hilfreichen schriftlichen Feedbackschleifen mit ihren Betreuenden beibehalten.
Der erste veröffentlichte Artikel ist damit weit mehr als ein wissenschaftlicher Erfolg. Er zeigt, wie Forschung tatsächlich entsteht: nicht in einem einzigen Schreibprozess, sondern durch sorgfältige Recherche, Strukturierung, Analysen, kritisches Feedback, zahlreiche Überarbeitungen und die Bereitschaft, den eigenen Text immer wieder neu zu denken.
Links zu den drei aktuellen Veröffentlichungen für die kumulative Dissertation:
Categorization of Sustainable Leadership in Sustainable Manufacturing to Promote Industry 5.0. Sustainability, 18(10), 5031. https://doi.org/10.3390/su18105031
The Need to Integrate Sustainable Leadership into Sustainable Manufacturing. In H. Kohl, G. Seliger, F. Dietrich, & G. Campana (Eds.), Lecture Notes in Mechanical Engineering. Safe and Sustainable Value Creation by Design: Proceedings of the 21st Global Conference on Sustainable Manufacturing (GCSM 2025) September 10–12, 2025, Bologna, Italy, Volume 1 (1st ed. 2026, pp. 3–10). Springer Nature Switzerland; Imprint Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-032-21157-6_1
Using model-based systems engineering (MBSE) and SysML for integrated sustainable manufacturing. Proceedings of the Design Society, Volume 6: DESIGN 2026 (pp. 2831–2840). Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/pds.2026.10641
Fachliche Ansprechpartnerin
Anna Nowak-Meitinger
Promotion am Karrierezentrum für professorale Entwicklung
TH Wildau
Hochschulring 1, 15745 Wildau
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Mail: anna.nowak-meitinger@th-wildau.de
Dr. Ilona Kunkel
Karrierezentrum für professorale Entwicklung
TH Wildau
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